An(ge)dacht

von Pfr. i. R. Martin Eckey | März 2026

"(...) wir aber denken an den Namen des Herrn."

~ Psalm 20,8

Liebe Gemeinde,

 

Heute, endlich, steht der Besuch bei der Hautärztin im Kalender. Schon seit Monaten sehnlich erwartet. Es war gar nicht so einfach, diesen Termin zu bekommen. Doch etwas hatte sich verändert. Es ist irgendwie beunruhigend. Seltsame Veränderungen auf dem Unterarm, die sich einfach nicht mehr zurückbilden. Weder Salben noch Öle kommen ihnen bei. Im Gegenteil: hartnäckig scheinen sich die unheimlichen Fremdlinge eher noch zu vergrößern als zu verkleinern. Was ist das? Wie heißen sie und wie wirken sie? Sind sie harmlos und dem Alter geschuldet oder Vorboten schlechter Nachrichten? Späte Zeugen der arglos genossenen Sonnenbäder früher Jahre?

Heute, endlich, der fachkundige Blick und die Aussicht auf einen Namen. Der Name macht aus einem unklaren „Was“ ein klares „Wer“ und „Wie“.

 

Seltsam, wie die Aussicht auf einen Namen beruhigen kann. Schon bevor die Ursache erkannt ist und eine Behandlung beginnt. In der Medizin nennt man das den „Rumpelstilzchen-Effekt“.
Das Rumpelstilzchen ist nach einem Märchen der Brüder Grimm ein geheimnisvoller kleiner gieriger Kobold, der einer armen Müllerstochter aus ihrer Not hilft und Stroh zu Gold spinnt. Als Lohn fordert er ihr erstgeborenes Kind. Jedoch um seinen Namen macht er ein Geheimnis: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich … heiß!“ In ihrer Not lässt sich die Müllerstochter darauf ein. Doch am Ende kann sie ihr Kind behalten, weil sie den Namen des Kobolds errät.

Der Rumpelstilzchen-Effekt bezeichnet die Linderung der Symptome, die Patienten schon verspüren, wenn ihre Leiden einen zutreffenden Namen erhalten. Wenn dem geheimnisvollen „Etwas“ seine Heimlichkeit genommen wird. Es kann sich nun nicht mehr verbergen. Man kann sich auf ihn einstellen, sich ihm entgegenstellen.


Wir wissen um die Macht der Worte, speziell um die Macht, etwas beim Namen zu nennen. Je klarer man etwas beim Namen nennt, desto besser kann man ihm begegnen. Das Benennen einer Bedrohung ist ebenso Schlüssel zu seiner Überwindung wie die Behandlung.

 

Der Name also. Wie wichtig er doch ist! Das Böse und das Gute – sie haben Namen. Sie zu kennen, ist der Anfang des Vertrauens in ein versöhnliches Ende. Mose fragt Gott nach seinem/ihrem Namen. „Wenn ich zu den Israeliten komme… und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? Was soll ich ihnen antworten? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.“


In diesem Namen ist Gott dem Mose gegenwärtig. „Ich bin da“ ist sein Name. Ach wie gut, dass wir das von Gott sagen dürfen! Der Name Gottes ist Israel zu treuen Händen anvertraut. Zu treuen Händen bedeutet, sich zu binden und sich der besonderen Bindung dieses Anvertrauens bewusst zu sein: den Bundesschluss bewahren, dem Herzen eine Richtung geben und in den Weisungen Freiheit bewahren.

 

Solch eine Achtung von verbindlichen Regeln wird uns gegenwärtig immer notwendiger. Diese Regeln haben Namen, die wir nicht aufhören sollen herbeizurufen. Die 10 Gebote gehören dazu. Und in ihrer Folge auch Völkerrecht und Menschenrecht.


In der hebräischen Bibel ist Gott immer in Freiheit und in Bindung da. Ist immer an zwei Orten gegenwärtig: im Himmel und im Namen. In der Anrufung des Namens Gottes können Menschen Zuflucht finden, sich bergen. Gottes Name ist kein Geheimnis, das nur Eingeweihten offensteht. Der/die „Ich bin da!“ ist uns allen zu treuen Händen anvertraut.

 

„Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse; wir aber denken an den Namen des Herrn.“
(Psalm 20,8)

 

Mit herzlichem Gruß

 

Martin Eckey, Pfr. i. R.

 

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