An(ge)dacht

von Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng | Dezember 2022

„Der Wolf wird beim Lamm als Flüchtling unterkommen, und der Leopard wird beim Böckchen lagern. Kalb, Junglöwe und Mastvieh leben zusammen, ein kleines Kind treibt sie.“
Jesaja 11,6

Liebe Gemeinde,

 

haben Sie (noch) Träume? Haben Sie Zeit, Träume zu träumen? Nehmen Sie sich manchmal Zeit, Träume zu träumen? 
Oder trauen Sie sich das nicht (mehr)? Sind Sie vielleicht (schon) desillusioniert? Zu viele Enttäuschungen? Zu viele schlechte 
Erfahrungen? Oben und Unten – die, die dominant sind, und die, die sich fügen (müssen) – die, die Macht ausspielen, und die, die unter Machtmissbrauch leiden. So sind die Verhältnisse eben? Und ändern sich auch nicht? 
Haben Sie (noch) Träume? Oder haben Sie sich (schon) abgefunden?
Der Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja rührt etwas in uns an. Die Träume mögen noch so verschüttet sein, noch so überlagert mit der Menge an enttäuschenden und schlechten Erfahrungen – Sätze wie der, der uns im Advent begleiten will, holen die Träume wieder nach oben. Und sie nähren einen heilsamen Zweifel in uns: den Zweifel an unserer Hoffnungslosigkeit.
Vielleicht sind unsere Träume ja doch realistisch?! Vielleicht sind unsere Träume ja doch keine naiven Illusionen?! Vielleicht stimmt es ja gar nicht, dass die Welt und die Verhältnisse eben so sind, wie sie sind, und nicht verändert werden können. Die das einreden und glauben machen wollen, haben ja ein vehementes Interesse daran, dass alles so bleibt, wie es ist. Das müssen wir wissen. 
Die Träume sagen uns nämlich, dass eine andere, gute Welt möglich ist: eine Welt, in der nicht mehr ‚Oben und Unten’ – ‚Macht und Ohnmacht’ – ‚Dominanz und Nicht-gesehen-werden’ die Realitäten bestimmen. Eine Welt vielmehr, in der endlich Gerechtigkeit gelebt und erlebt wird, in der Frieden ist zwischen denen, die wir mit Frieden zunächst einmal gar nicht in Verbindung bringen. Eine andere und gute Welt ist möglich, sagen die Träume!
Und Gott ist es, der diese Träume in die Herzen der Menschen setzt – immer wieder. Gott schickt Propheten und Prophetinnen, die wunderbare Bilder vor Augen stell(t)en: „Der Wolf wird beim Lamm als Flüchtling unterkommen…“ Spüren Sie diesem Bild einmal nach – spüren Sie, wie es Sie berührt?
Nur nicht abfinden, sagen diese Bilder! Nur nicht diese Träume aufgeben! Nur ja nicht die Hoffnung verlieren! Gewöhnt Euch nur ja nicht an Kriegstreiberei, an Unrecht und menschenverachtende Parolen! Gewöhnt Euch nie an Verhältnisse, die das Leben bedrohen! Gewöhnt Euch niemals daran, dass es Menschen schlecht geht, weil einige wenige auf ihre Kosten ihren Wohlstand festhalten! Hört nur ja nicht auf, an die Träume vom Frieden zu glauben! 
Werden Träume wahr? Der brasilianische Erzbischof Dom Helder Camarra, einer der profiliertesten Vertreter der Befreiungstheologie, hat gesagt: „Wenn eine/r alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit!“ Wir sollten unbedingt die Zahl der Träumenden vergrößern! Fangen Sie wieder an zu träumen! Halten Sie fest an den Träumen von einer guten Welt! Die Erde braucht die Träumenden! Gott braucht uns Träumende! 
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und einen guten und hoffnungsvollen Übergang ins neue Jahr! 


Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng

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