An(ge)dacht
von Michael Messal | September 2026
Viele Abschiede und Neuanfänge
Liebe Gemeinde,
Ein wenig aufgeregt bin ich ja schon. Gleich geht die Taufe los. Meine erste Taufe als frisch gebackener Prädikant. Die Tauffamilie ist schon da. Der erwachsene Täufling hat sich seinen Taufspruch selbst ausgesucht: eine Stelle aus dem Predigerbuch, Kapitel 8 Vers 17 um genau zu sein. Kohelet, der „Prediger“ oder „Lehrer“ aus dem gleichnamigen biblischen Buch, zweifelt: an sich, Gott und der Welt. Aber Kohelet macht in diesem und den benachbarten Versen auch eine Verwandlung durch. Er streift sein altes Ich ab und wird zu einer neuen, freudigeren Version seiner selbst. Ein wenig erinnert mich das an meinen heutigen Täufling. Auch er hat beim Nachdenken über biblische Texte zu einer neuen Version seiner selbst gefunden. In der Taufe feiern wir als sichtbares Zeichen genau das: Der alte Mensch vergeht. Der neue, zur Kirche Christi gehörende Mensch steigt aus den Wassern des Taufbeckens empor. Ende und Neubeginn liegen manchmal nur ein paar tropfende Augenblicke auseinander.
Viele Gemeindeglieder haben in den vergangenen Tagen und Wochen ein Ende hautnah miterlebt: Unsere Gruppen und Kreise sind aus dem Gemeindehaus in der Sankt Johann-Straße ausgezogen und haben eine neue Heimat gefunden. Sowohl für das Gemeindehaus als auch für die Gruppen hat sich ein Neubeginn vollzogen. Zum ersten September ist nun ganz offiziell das Bruchwerktheater ins ehemalige Gemeindehaus eingezogen. Momentan wird noch fleißig gewerkelt und renoviert, aber schon im November sollen die ersten Vorstellungen stattfinden. Die Menschen dort sind voller Begeisterung dabei und freuen sich auf diesen neuen Abschnitt. Vor allem die Perspektive, endlich einen langfristig planbaren Proben- und Aufführungsort zu haben, ist nach Jahren der Unsicherheit für die Mitarbeitenden dort eine schöne Erfahrung.
Auch an anderer Stelle ist gewerkelt worden: Das Gemeindehaus Altstadt, in das viele der Gruppen umgezogen sind, wurde noch einmal an vielen Stellen renoviert. Die Toiletten im Erdgeschoss sind instandgesetzt worden und der Mittagstisch hat unter Einbeziehung vieler freiwilliger Helfer:innen eine neue Küche bekommen.
Auch für das Presbyterium geht eine Ära zu Ende. Die letzte Sitzung im „alten“ Gemeindehaus fand im Juli statt. Die Presbyterinnen und Presbyter waren bei aller Freude über das, was kommt, selbstverständlich auch ein bisschen wehmütig. Viele Stunden haben wir hier zusammen gesessen, bisweilen hitzig diskutiert und um die besten Lösungen für die Gemeinde gerungen. Dabei wurde so manches Brötchen und im Anschluss so manches Gummibärchen gegessen. Nun ist das alles vorbei und ab Oktober werden die Sitzungen im Gemeindehaus Altstadt stattfinden. Eine neue Ära beginnt. Wobei, in gewisser Weise kehren wir nur wieder zurück zu alter Größe, wenn man so will: Die Kirchengemeinde Siegen gab es ja schon einmal, nämlich seit der Reformation bis weit in die Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts hinein. So wächst denn nun vielleicht nur zusammen, was eigentlich zusammen gehört.
Ich wünsche mir, dass alle noch vor uns liegenden Abschlussprozesse und Neuanfänge der Vereinigung unserer Kirchengemeinden konstruktiv über die Bühne gehen. Der Umzug des Mittagstisches, des Gemeindebüros oder die Planungen des gemeinsamen Bau- und Finanzauschusses haben ja bereits gezeigt, dass evangelisches Leben in Siegen eine Zukunft hat. Womöglich kommt bei alledem sogar eine neue, freudigere, begeisterndere Version unserer Gemeinde heraus, so wie Kohelet auch durch Veränderung zu einer besseren Version seiner selbst geworden ist. Gottseidank.
Euer
Michael Messal
(Finanzkirchmeister)

